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Mariana Sadovska - just not forever /CD

Art.-Nr. W9022

 
 
CD-Tracks/Probehören.
Mariana Sadovska – voc, Indian harmonium / Jarry Singla – piano / Peter Kahlenborn – drums / Sebastian Gramss – bass / Anthony Coleman – piano, Indian harmonium / Frank London – trumpet, alto horn / Doug Wieselman – bass clarinet, eb clarinet, guitar / Roberto Juan Rodrigues – drums / Brad Jones - bass

Kontakt: Wizmar Records, Tel. 03841 3035305

CD-Stücke: 1. Spring calling songs 4:28 / 2. Just not forever 4:06 / Lullaby lament 4:24 / 4. Soromicka 3:11 / 5. In American saloon 2:38 / 6. Song of farewell 4:50 / 7. Ballad of Dovbush 3:32 / 8. Zamovlannia 2:27 / 9. Kupala 7:47 / 10. Drinking song 3:42 / 11. Years of my youth 6:51 / 12. Zozula 6:41 //
Gesamtspielzeit 54:57


Im Westen nichts Neues – im Osten umso mehr!

Seit Ende der Zweiten Weltkriegs haben wir gelernt, die Impulse unserer Alltagskultur immer aus dem Westen zu beziehen. Rock, Jazz und Blues, Amerika und England, wenn wir besonders offen waren, vielleicht auch noch ein wenig Chanson aus Frankreich. In den Achtziger Jahren wurde dieses abendländische Kerninteresse dann noch von einem Kranz aus Weltmusik umfasst: Afrika, Lateinamerika, Arabien, China, Indien. Osteuropa blieb indes ein weißer Fleck auf der musikalischen Landkarte.

Zu Unrecht, denn die musikalischen Traditionen unserer östlichen Nachbarn sind ebenso reich wie die Perspektiven, die sich daraus ergeben. Die Bastionen zwischen Tradition und Avantgarde sind längst nicht so unverrückbar wie westlich der Oder, denn viel mehr als im sesshaften Westen war im mobilen Osten immer alles in Bewegung. Aus dem ungeklärten Reibungsverhältnis beider Komponenten ergibt sich ein Hunger nach Neuem und Unentdecktem, der andere Kulturen ohne Brüche absorbieren kann.

Die ukrainische Sängerin Mariana Sadovska scheint uns auf „Just Not Forever“ zunächst in die Irre zu führen. Ihre Lieder sind mit ganzer Leidenschaft der Folklore verpflichtet, brechen aber mit derselben Hingabe zu neuen Horizonten auf. Sie scheinen gleichermaßen archaisches Echo des Urschreis und trotziges Aufbegehren gegen alles Hergebrachte zu sein. Selbst wer kein einziges ihrer Worte versteht, hört aus ihren vokalen Beschwörungen das ewige Thema vom Werden und Vergehen sowie der traurigen Unmöglichkeit, den Augenblick festzuhalten, heraus.

Mariana Sadovska ist eine Reisende, doch ihre Reisen verlaufen nicht nur horizontal auf der Oberfläche unseres Planeten, sondern auch vertikal in der Zeit. Aus diesem Koordinatensystem erwächst eine unerklärliche Magie, die alle Merkmale unserer funktionalen Gesellschaft außer Kraft setzt. Sie zieht seit Jahrzehnten über die Dörfer der Ukraine und sammelt Lieder. Viele von ihnen sind Jahrhunderte alt und wurden von Großmüttern an Enkelinnen weitergegeben und von denen ein dreiviertel Leben später wieder an die übernächste Generation. Sie haben sogar die Sowjetzeit überdauert, in der alles Magische, Irrationale oder nicht im kommunistischen Sinne Verwertbare achtlos auf den Scheiterhaufen der Geschichte geworfen wurde. Doch was die Partei nicht abzufackeln vermochte, das schafft jetzt die Angleichung der Ukraine an den westlichen Wirtschaftsraum. Diese einzigartigen Lieder stehen kurz
davor zu verglimmen wie eine abgebrannte Kerze. Mariana Sadovska rettet sie, haucht ihnen neues Leben ein, peppelt sie auf und reicht sie weiter.

Viele dieser Lieder sind auf Reisen entstanden. Sie wurden von vorbeifahrenden Musikanten – Klezmern wie Roma, Russen, Polen und Bukowinern, Händlern, Schaustellern und Spielmännern, aber auch durchziehenden Auswanderern einfach fallen- und liegengelassen. Jetzt begeben sich diese Lieder erneut auf die Reise. Mariana Sadovska nahm sie mit nach Köln und New York. In Sebastian Gramss, Jarry Singla und Peter Kahlenborn fand sie diesseits des Atlantiks Verbündete, die mit ihr die erste Etappe des Weges vieler Auswanderer von der Ukraine in die USA beschreiben. Doch sie tun das nicht aus der historischen Perspektive, sondern beschreiben den Ostwest-Transfer aus der Erfahrungswelt des frühen 21. Jahrhunderts.

Im fernen New York warten Frank London, Doug Wieselman, Anthony Coleman, Roberto Rodriguez und Brad Jones. Fünf Musiker, die dem Gemisch der Kulturen der amerikanischen Einwanderer auf vielfältigste Weise und oft gemeinsam Tribut gezollt haben. In der Lower Eastside sind die Spuren der ukrainischen Immigranten noch unübersehbar. Kirchen mit kyrillischer Schrift, Restaurants mit den Bezeichnungen Odessa und Kiev sind Denkmale einer Völkerwanderung, mit der auch die Lieder eine neue Heimat suchten. Dank Mariana Sadovska sind sie jetzt endlich angekommen.

Jazz, Rock, Chanson, Klezmer, Avantgarde und verschiedene Aspekte von Folklore ergeben bei Mariana Sadovska kein eklektizistisches Mischmasch, keinen neuerlichen Versuch, die Überlieferungen einer Region zu ethnischer Postmoderne zu verwursten, sondern ein komplexes Ganzes, das der Unumkehrbarkeit der Geschichte gerecht wird. „Just Not Forever“ ist so ehrlich, pur und unberechenbar wie das Leben selbst. (CD LinerNotes von Wolf Kampmann)



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