DASKwartett (Vetter, Mickiewicz, Djember, Rau) - freizart /CDArt.-Nr. AO-CD 3076
Gruppenbild mit Gottesanbeterin – DASKwartett mit seiner Debüt-CD
Vier Streicher – überaus vernünftige Klassik-Gespräche, die der Geheimrat Goethe so schätzte? Von wegen. Seit Goethe hat sich schließlich in der kammermusikalischen Königsklasse einiges getan. Das amerikanische Kronos Quartet sorgte schon vor dreißig Jahren für frischen Wind zwischen den 16 Saiten. Mit Jazz, Weltmusik und sogar Rock. Auch DASKwartett überschreitet solche stilistischen Grenzen, wobei die vier Musikerinnen konsequent einen Weg eingeschlagen haben, auf den sich vor ihnen so wohl noch kein Quartett-Ensemble gewagt hat. Wenn DASKwartett seine musikalische Schatztruhe öffnet, sind es ausschließlich Eigenkompositionen, mit denen es verblüfft. Mit zwei Violinen, Viola und Violoncello kommt es so zu spannenden und anregenden Gesprächen, bei denen moderne Klassik, Jazz und Folklore ein komplett neues Eigenleben bekommen. Hinzu kommt hier und da ein Groove, mit dem DASKwartett in die verschiedensten Himmelsrichtungen aufbricht. Auf eine musikalisch faszinierende Abenteuerreise haben sich die vier Musikerinnen nun auch für ihre Debüt-CD „freizart“ begeben. Bei jedem der 13 Stücke spürt man die unterschiedlichen Wurzeln der in Essen, Düsseldorf und Berlin lebenden Musikerinnen. Für das osteuropäische Flair sorgt die in Polen geborene Bratschistin Katrin Mickiewicz in ihren Kompositionen und ihrem Spiel. Die erste Geigerin Sabine Rau ist musikalisch von der zeitgenössischen Klassik geprägt und trägt ihre Virtuosität, ihre Kammermusikerfahrung und die Feinheit der Dynamik in das Ensemble. Die zweite Geigerin Antje Vetter studierte Jazz-Violine im niederländischen Arnheim und steuert die Kraft des zeitgenössischen Jazz und Avantgarde-Jazz bei. Cellistin Donja Djember sorgt als Musikerin zwischen beseelter freier Improvisation, Neuer Musik, Avantgarde, Pop und Rock für genau den improvisatorischen Elan, mit denen die Kompositionen nie vorhersehbare Wendungen bekommen. Seit 2002 sind sie zu einem perfekten Streicher-Team zusammengewachsen, dessen Stücke in der Philharmonie Essen, beim J.O.E. Festival Essen und im Domizil Dortmund uraufgeführt wurden. Hinter dem Ensemblenamen verbirgt sich nicht nur mit „Kwartet“ die polnische Schreibweise für eine musikalische Viererkonstellation. DASK setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Musikerinnen zusammen: D(onja), A(ntje), S(abine), K(atrin). So einfallsreich wie der Quartettname sind auch die einzelnen Titel gewählt, ebenso die Gestaltung des CD-Booklets. Hier präsentiert sich in voller, faszinierender Schönheit eines der eindrucksvollsten Insekten, eine Gottesanbeterin. Auf einer Amerika-Reise hatte Antje Vetter dieses Exemplar fotografiert – auch ihre Kolleginnen fanden diese grüne ´Dame´ auf Anhieb so attraktiv, dass sie zum Cover-Girl gewählt wurde. Die Gottesanbeterin verkörpert das sich ständig verändernde Herz-Rhythmus-System von DASKwartett. So wie sie immer wieder in ein neues Farbenkleid schlüpft, um sich der Umgebung anzupassen, erlebt der Sound von DASKwartett eine ständige Metamorphose. Das Eröffnungsstück Pociag basiert auf einem polnischen Kinderlied und meint übersetzt „Zug“, der einen in die weite Welt mitnimmt. Die von Donja Djember eingestreuten Pizzicati sorgen dabei für eine bewegliche Rhythmik, die das Stück tatsächlich nach Süd-Amerika zu tragen scheint, wobei der Zug doch nach Warschau fährt... Fugale, ein Arrangement einer Fuge aus Katrin Mickiewiczs Orchesterwerk „grau-blau“, besitzt diesen poetischen Charme, den etwa der Tango-König Astor Piazzolla stets der europäischen Polyphonie verliehen hat. Nach dem spannungsvoll-furiosen Mikado setzt sich minimalistisch mal zärtlich, mal fordernd die Liebelei in Gang, in Mantis Religiosa zeigt sich die verewigte Gottesanbeterin geheimnisvoll zerbrechlich und prismatisch. Die Inspirationsquelle für das Streichquartett H.U.M. war eine Postkarte, die Antje Vetter von einer Freundin geschickt bekam und auf der eine einäugige Hummel zu sehen war. Doch statt einer lautmalerischen Übersetzung dieses exotischen Phänomens erweist DASKwartett ihr mit kraftvollen Kantilenen und einer groovenden Impulsivität die Referenz. Überhaupt sollen die Titel keine musikprogrammatische Anleitung sein, sondern entspringen der Phantasie der Musikerinnen und können so den Hörer bildmalerisch anregen. Weshalb auch das mit markanten Klangfarbeneffekten und furiosen Rhythmen durchsetzte Streichquartett 3S6D3 keine musikalische Vertonung des Gedichts „Three Singdance Six Dancesing Three“ ist, das vom amerikanischen Kult- und Experimentaldichters E.E.Cummings stammt und hier Inspirationsquelle war. Heiter, raffiniert und keck häutet sich dagegen Olivia Z. – in dieser Hommage an eine Freundin von Antje Vetter, hinter der eigentlich ein Mann steckt, der als Frau durchs Leben läuft. Mit Abrupto wird schließlich jazzig dem Balkan ein Besuch abgestattet. Und in Cycle steckt dieser feine orientalische Zauber, der Donja Djember zeitlebens durch ihren persischen Vater umgeben und inspiriert hat. Angesichts dieses im wahrsten Sinne weltmusikalischen Klangfundus kann man DASKwartett in keine Schublade stecken. ‚Wir wollen unseren persönlichen Platz zwischen den Konventionen finden und schlicht die Musik machen, die uns gefällt’ ist das Ensemble Credo. Mit „freizart“ ist DASKwartett dank der spielerischen Leichtigkeit, einer nach oben offenen Ausdrucksskala sowie ansteckender Neugier eine akustische Entdeckungsreise angetreten, die man so noch nie gehört hat.
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